Die „Peruanische Unsterbliche“

Veröffentlicht am: 16.04.2016 von Claus Seyfried in: Presse und Öffentlichkeitsarbeit Drucken

Der NDR hat schachlich gewaltig aufgerüstet. In einer Daily Soap präsentiert man uns ein wunderschönes Boden-Matt!


Zwei der Protagonisten der (Fast-)Daily-Soap »Sturm der Liebe«, ein Brüderpaar, das des Öfteren auch mal gegeneinander agiert, haben schon häufig gemeinsame Schachpartien erwähnt. Am Freitag, dem 15. April 2016 hat man sie endlich spielen sehen. Wow, was ist denn da passiert?? Hat es das beim Film oder Fernsehen je gegeben? Nicht nur, dass die Schauspieler durchweg reguläre Züge ausführen. Nein, dem Zuschauer wird eine Sensation geboten: Es wird ein hübsches »Boden-Matt« (nach Samuel Boden) oder auch »Kreuzmatt« aus einer 1934 in Budapest gespielten Simultanpartie des gebürtigen Peruaners Esteban Canal vorgeführt! Das ist dem Schachverband einen Applaus wert!

Nett auch, wie der Mattgesetzte verdattert stammelt:  „Wie hast du das gemacht?“  und die coole Antwort quittieren muss:  „Peruanische Unsterbliche. Nie gehört?“.

Die Spielszene beginnt in Folge 2435 nach 38 Minuten und dauert ca. 2 Minuten. Der ältere Herr, Ex-Fünf-Sterne-Hotel-Besitzer, ist nach dem unglaublichen Tod seiner sehr jungen, sehr naiven aber dennoch sehr attraktiven Ehefrau auf einer gemeinsamen Karibikreise mit ihrer Mutter durch eine zu Boden (schon wieder Boden!) fallende Kokosnuss sehr betrübt und starrt mit sinnentleerten Augen auf diese Stellung:




Uns reicht die linke Spielhälfte. Sorry für das Weinglas, ich hab's nicht hingestellt. Bei dieser Gelegenheit ein Appell an alle Schach-Fotografen. Vor der Aufnahme der Spieler bitte wortlos, aber bestimmt, und keine Widerrede duldend, alle störenden Gegenstände vor dem Schachbrett wie Trinkgläser, Mineralwasserflaschen, Teekannen und dergleichen unbedingt WEGRÄUMEN und erst danach das Foto aufnehmen!

Nach Andrés billigem Witzchen:  „Du bist dran!“ - Herr Saalfeld: „Ja, ich weiß“ - André Konopka: „Stimmt, ich schwarz“  nimmt der Weißspieler mit 11. a3 x b4 den fesselnden Läufer b4 weg. Siegessicher und mit gespieltem Bedauern fällt der Turm a1 mit Schach und der Turm h1 (nicht im Bild) ohne Schach. Sodann führt der Ex-Hotelier seinen Zug 13. Df3 x c6+ ohne Zögern aus und setzt nach b7 x c6 mit 14. Le2 - a6+ genauso planvoll wie glanzvoll matt!




Welch ein Unterschied zu der anderen (Fast-)Daily-Soap »Rote Rosen«, die im Fernsehen immer direkt vor »Sturm der Liebe« kommt. Als die schöne Brasilianerin noch nicht ihr Wäscherei-Business aufgenommen hatte, sondern im ersten Hotel am Platz (= Lüneburg) als Zimmermädchen arbeitete, entdeckte man zufällig ihr erstaunliches Talent für Schach. Ihre Idee in der Volkshochschule dann gleich als Kursleiterin für Schach durchzustarten erschien den Autoren offenbar nicht geeignet als Basis für weitere kurzweilige Episoden und wurde ohne Erinnerung begraben.

In der Folge 1881 vor mehr als einem Jahr geben die Macher der Serie dem Zuschauer ab Minute 26 ein kaum lösbares Rätsel auf. Einerseits führen die Schauspieler ebenfalls durchweg reguläre Züge aus einer völlig vernünftig aussehenden Startposition aus. Anderseits sind die Züge und die dazu gesprochenen Kommentare dermaßen blödsinnig, dass man sich wirklich fragt, was hier passiert ist? War etwa der Schachexperte des Filmteams kurz auf dem Klo, als man spontan die Szene zu Ende drehte?




Vor dem Zug 1...Tf8 - b8 des damaligen Freundes der Brasilianerin, sonst offenbar ein begnadeter Technikbastler, entspinnt sich folgender Dialog:  „Was ist eigentlich die schnellste Art jemanden Matt zu setzen?“  -  „Schäfermatt.“  -  „Wie funktioniert das?“  -  „Erklär' ich dir später ... Was ist?“  -  „Du bist so ernst, als wär' das n' Turnier oder so.“  -  „Aber Schach macht keinen Spaß, wenn man es nicht ernst nimmt.“  -  „Du wirkst grad' nicht so als hätt'st du hier Spaß.“

Danach folgt á tempo 2. Sc3 - e4. Alle Warnungen des Technikers, dass der Springer ungedeckt sei, fruchten nichts:  „Du opferst gerade deinen Springer!“  -  „Ich weiß.“  -  „Aber das ergibt keinen Sinn.“  -  „Jetzt red' nicht so viel, spiel!“  -  „Aber du bist wirklich sicher, dass du das machen willst?“  -  „Jaaaa!“.

Und nach 2...Sf6 x e4 folgt wiederum á tempo 3. Lf2 - h4. Eigentlich schade um die weiße Dame d2. Doch jetzt wird's echt heiß. Schwarz gerät in Panik:

„Oh Mist! Du hast gerade den Druck auf mein Zentrum erhöht.“ - „Gut, ne? ... Wir können auch aufhören.“ - „In meiner ganzen Schachlaufbahn habe ich noch kein einziges Spiel einfach aufgehört.“ - „Ahhhhh du hast Angst gegen eine Anfängerin zu verlieren.“ - „Noch hab' ich nicht verloren.“ - „Aber gleich. .... Wir können auch sagen, dass es unentschieden ist.“ - „Also erstens heißt das beim Schach nicht unentschieden und zweitens du stehst viel zu gut da um mir ein Remis anzubieten. Das kann ich nicht annehmen.“ - „Ahhhh ich verstehe du hast noch eine Geheimwaffe in petto mit der du alles rumreißt. Jetzt bin ich gespannt.“ - „Nein, da muss ich dich enttäuschen.“ - „Keine Geheimwaffe?“ (fragt die brasilianische Dame ohne weiße Schachdame. Anmerkung des Verfassers) - „Nein! Aber das Ende meiner kleinen Schwächephase, ja!? Ich konzentriere mich jetzt wieder, und dann komme ich da schon wieder raus.“ - „Und dann du bist dran.“ - „Danke. Das weiß ich selber.“ ... und in der Folge steckt das Technik-As mit Springer und Dame mehr die Waffen!

Die Schauspieler haben ihren Text gut gelernt und konsequent durchgezogen. Aber die Züge??? Ich fürchte der »Rote-Rosen«-Schachkundige hätte nicht aufs Klo gehen sollen.


Die »Peruanische« nachspielen

Noch zwei kurze Videoclips:
Folge 2435 - Minute 36:16 bis 40:25 - 13,2 MB:  Sturm der Liebe
Folge 1881 - Minute 26:12 bis 28:16 - 12,5 MB:  Rote Rosen


Claus Seyfried
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit