Konrad Müller und die Talentförderung: „Es macht Spaß zu sehen, wie schlaue Kinder zu guten Schachspielern werden.“
Zwischen Stützpunkt, Onlinetraining und WAM – das württembergische Modell gilt auch beim DSB als Vorzeigeprojekt. Schon 140 Anmeldungen für das WAM-Finale in Nürtingen.
Es ist nicht leicht, einen Gesprächstermin bei Dr. Konrad Müller zu bekommen. Alle im Schachverband Württemberg wissen: Der Mann ist ständig unterwegs, ein Tausendsassa in Sachen Ehrenamt. Zum Glück, sagt er, spielen seine beiden Kinder selbst auch Schach – da ist also familiäres Verständnis vorhanden für den Zeitaufwand in seinen Funktionen als SVW-Referent Freizeit- und Breitenschach, Trainer und Leiter des Stützpunktes Stuttgart, Bezirksjugendleiter Stuttgart. „Ja“, sagt Konrad Müller im Gespräch mit Matthias Wolf von svw.info, „ich mache schon eine Menge auf Verbandsebene.“ Wohl wahr.
In erster Linie leitet der 62-jährige promovierte Elektro-Ingenieur bei Mercedes-Benz, der vor 25 Jahren aus Sachsen nach Württemberg kam und bei der Spvgg Rommelshausen andockte, seit 2009 den Talentstützpunkt Stuttgart. Der größte unter den fünf SVW-Stützpunkten. Er hat aus diesem Projekt Württembergische Jugend-Pokalturniere (WJPT) und die Turniere der Württembergischen Amateurmeisterschaft (WAM) entwickelt - und um die Schulschach-Grandprix-Turniere (SSGT) für den niederschwelligen Einstieg der Kids erweitert. Dem strukturellen Aufbau dieser Turnier-Trilogie liegt der Grundgedanke der erfolgreichsten deutschen Veranstaltung im Breitenschach, der Deutschen Amateurmeisterschaft (DSAM), zugrunde.
Und das nächste WAM-Finale wirft schon seinen Schatten voraus: 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind schon angemeldet für den 25./26.07.2026 im Best Western Hotel (Am Schloßberg in Nürtingen).
Das Stützpunkttraining findet samstags statt, 13 Mal im Jahr, in Präsenz. Vier Stunden Powertraining, sechs Coaches. Konrad Müller: „Jeder Trainer nimmt sich ein Thema, auf unterschiedlichem Niveau.“ Die Anziehungskraft für die Jahrgänge 2008 bis 2019 ist so groß, dass sogar ein Spieler aus Waldshut-Tiengen anreist. Prinzipiell sind auch Kinder aus Baden willkommen, weil es weit und breit kaum diese Angebote gibt. Die geplante Fusion der Landesverbände „lebe ich schon lange“, betont Konrad Müller schmunzelnd.
In die Gruppe drängen immer wieder neue Kinder – weil ihre Eltern nachfragen. Viele Turniere, die im Grunde Leistungsvergleiche sind, würden das Interesse an weiterer Förderung über das Vereinstraining hinaus lebendig halten, sagt Konrad Müller. Einer aus einigen Funktionärs-Ecken geforderten Kader-Obergrenze hat sich Müller stets verwehrt - die Regularien begrenzen die Anzahl der Spieler nicht. Und er wolle so vielen wie möglich eine Chance geben, so Müller. „Wir brauchen lediglich homogene Gruppen“, sagt er, der mit fünf weiteren Trainern jedes Mal genau nach Tagesform und Spielstärke einteilt, „die Kinder und Jugendlichen müssen auf einem Level sein – und wenn dann einer auf die Überholspur wechselt, weil er gerade einen Entwicklungsschub macht, spornt das die andere an, mitzuziehen.“ So würden alle gemeinsam besser, auch weil sich „keine vom anderen über den Tisch ziehen lassen will“. Ein Modell, das auch DSB-Sportdirektor Kevin Högy lobt: „Dieses Stützpunkttraining, das mehrere Landesverbände wie Württemberg wirklich in einer straffen Organisation anbieten, sind absolut leistungsfördernd für unseren Nachwuchs. So kann es funktionieren, den Leistungsstand aller Talente im Blick zu behalten.“
Für Konrad Müller ist es nicht sein einziges Herzensprojekt. Während der Corona-Pandemie galt er als Vorreiter in Sachen Digitalisierung. „Am 9. April 2020 haben wir das Breitenschachtraining zum ersten Mal online gemacht“, sagt er, „seitdem ist es fest etabliert jeden Montag und Donnerstag – obwohl mancher der Ansicht war, Vor-Ort-Training sei doch besser. Aber das entspricht aus meiner Sicht nicht dem Zeitgeist und dem, was die Talente wollen. Wir wollen doch nicht zurück in die Steinzeit.“ So läuft es mit rund 80 Kindern und Jugendlichen insgesamt über Zoom immer nach einem festen Muster ab. „Das ist wie ein Ritual, die Kinder brauchen diese Strukturen“, sagt er, „da wird der ein oder andere schon nervös, wenn die Gruppeneinteilung mal fünf Minuten später beginnt.“ Und so ist alles minutiös geplant donnerstags ab 16.45 Uhr für die U8 bis U12 (rund 60 Kinder), in verschiedenen Gruppen mit entsprechenden Spielstärken. Montags für die U14 bis U18, ab 17.45 Uhr – hier sind nochmal rund 20 Jugendliche dabei.
Wie viele Stunden Konrad Müller dafür aufwendet im Monat? „Eigentlich zu viele“, sagt er und lacht, „aber es macht riesigen Spaß zu sehen, wie schlaue Kinder zu guten Schachspielern werden.“ (mw)
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