FM Georg Braun vom SK Bebenhausen startet als Außenseiter bei der Deutschen Einzelmeisterschaft im Rahmen des Schachgipfels – er tut jetzt schon alles, um trotzdem unter vielen Großmeistern bestmöglich abzuschneiden. Dafür muss er riesige Datenmengen auswerten – und weniger verbissen sein.

Dr. Georg Braun beim Württembergischen Meisterturnier in Illertissen 2025 ...

Georg Braun ist Mathematiker. Eines seiner Spezialgebiete: Wahrscheinlichkeitsberechnung. In diesen Tagen dominiert in dem 32-Jährigen wieder das Mathe-Genie – in Kombination mit seiner Leidenschaft für Schach. Braun, der nach seiner Zeit an der Universität Tübingen (mit Master und Doktorarbeit) inzwischen bei der Allianz in Stuttgart (im Finanzressort) arbeitet, muss sich auf eines der schwersten Turniere in seiner Spielerkarriere vorbereiten. Er habe deshalb, so erzählt Georg Braun svw.info, schon vor Monaten begonnen, alle Datenbanken anzuzapfen, auf die er Zugriff hat. „Und ich werde noch einige Zeit investieren, um riesige Schachdaten auszuwerten“, sagt er mit einem Lächeln. Denn er muss vorbereitet sein – auf große Gegner. In der Meisterklasse der Deutschen Meisterschaft, im Rahmen des Dresdner Schachgipfels. Die DEM Meisterklasse läuft vom 17. bis 25. Juli – es gilt die Sieg-Wahrscheinlichkeit deutlich zu erhören. Denn Braun ist, wie er selbst sagt, klarer Außenseiter.  
Vor einem Jahr ist etwas passiert, mit dem der Spieler der SK Bebenhausen nie gerechnet hat: Obwohl nur an Position neun gesetzt, wurde er Zweiter im Kandidatenturnier bei den Deutschen Meisterschaften in München. „Ein super Erlebnis, ein Riesenerfolg, mit dem ich niemals gerechnet habe. Schließlich waren da einige Leute dabei, die eigentlich viel besser spielen können.“ Doch er trat mit 2365 Elo an und performte auf einem 2526-Elo-Niveau. Damit holte aus den neun Runden 6,5 Punkte und qualifizierte sich damit für die Meisterklasse, die nun in Dresden stattfindet – im Rahmen des Schachgipfels. Inmitten von Nationalspielern, Großmeistern, geht er natürlich als Underdog ins Turnier. Voller Respekt, aber auch Vorfreude. „Ein bisschen nervös bin ich schon“, sagt er. Dabei hat er von so einer Chance immer geträumt.

... und beim Kandidatenturnier in München 2025 hat er sich für Dresden qualifiziert - Foto © Frank Binding, DSB

Zwar habe er nie die Hoffnung gehegt, Schachprofi zu werden („Es war schon in der Jugend klar, dass es für die erweiterte Weltspitze nicht reichen wird“), aber er war stets sehr ehrgeizig. Jahrelang, sagt der FIDE-Meister, sei er den Normen für einen IM-Titel hinterher gehechelt, hat sich deshalb extra reihenweise normenfähige Turniere ausgesucht, viel Zeit und Kraft investiert. Mehrfach hat er dann die IM-Norm nur ganz knapp verpasst, fünf Mal allein in den vergangenen zwei Jahren. „Dieses große Ziel hat mir ein bisschen den Spaß geraubt in den letzten Jahren. Ich war häufiger frustriert“, sagt er, „es ist sinnvoller, wenn ich das nicht mehr als Ziel nehme und weniger verbissen in die Turniere gehen.“ Das ist seine Devise für Dresden.
Ob er dort auch ein bisschen Vorbild sein will? „Wenn andere Leute sich dadurch inspiriert fühlen, dass man auch mit einer Körperbehinderung auf einem hohen Niveau spielen kann – dann gerne“, sagt er, aber in Wahrheit ist das Handicap kein großes Thema für ihn beim Schach. „Ich spiele Schach für mich selbst, weil ich dieses Spiel liebe“, sagt er. Es fasziniere ihn auch, weil er dadurch so viele Menschen kennenlerne, aus unterschiedlichsten Lebensbereichen. „Dieser Sport ist extrem vielfältig, er bildet die ganze Gesellschaft ab.“ Und er ist inklusiv wie kaum ein zweiter Sport.
Georg Braun leidet an einer seltenen Gelenkerkrankung. Die sorgte zeitweise dafür, dass er auf einen Rollstuhl angewiesen war, auch einige künstliche Gelenke hat er bereits. Die Krankheit sorge für ein Auf und Ab, sagt er. Derzeit ist er sehr mobil, steuert viele Turniere an. In diesem Jahr war er schon in Bregenz, auch bis zu einem Turnier in Cannes in Südfrankreich führte ihn schon seine Leidenschaft. Für Bebenhausen spielt er in der Oberliga, an Brett eins. Außerdem arbeitet er nebenher auch als Schachtrainer, begleitete Jugendspieler aus Bebenhausen zu Turnieren. Und trainiert selbst auch täglich seine eigene Spielstärke, mindestens eine Stunde am Tag.
Im Vorfeld von Dresden nun deutlich mehr. Soweit es der Job zulässt. Auch beruflich ist er nah an der Mathematik dran geblieben. Bilanzierungen, Gewinn- und Verlustrechnung, Risikomanagement – das sind seine Themen bei der Allianz in Stuttgart. Auf Risikoabwägung wird es auch in Dresden, in der Meisterklasse, ankommen. „Ich bin der Underdog, aber ich bin nicht chancenlos“, sagt er mit Blick auf seine Gegner: Sieben Großmeister, zwei Internationale Meister. Mit Georg Braun dürfte auch in Dresden zu rechnen sein. (mw)