
Vereinschef Sven Noppes im exklusiven Gespräch mit svw.info: Der Verein setzt andere Prioritäten – auch, weil die Eliteliga zunehmend für Spieler und Sponsoren an Bedeutung verliere.
Sven Noppes sagt: „Alles hat seine Zeit. Und es war auch eine gute Zeit. Für uns ist die Zeit aber jetzt vorbei.“ Die Schachfreunde Deizisau ziehen sich aus der Schach-Bundesliga zurück – nach zehn Jahren. Diese Entscheidung, sagt der Vereinsvorsitzende der Schachfreunde, habe auch und vor allem mit veränderten Rahmenbedingungen auf mehreren Ebenen zu tun. Es sei eine Entscheidung der Vernunft und des Abwägens, wo der Verein seine Ressourcen am besten einsetzen könne. Württemberg verliert damit seinen Bundesliga-Leuchtturm.
Die Ebene Deizisau: Im Jahr 2015 fiel der Entschluss, ein Bundesligateam aufzubauen, das insbesondere jungen deutschen Nachwuchsspielern ermöglichen sollte, regelmäßig an vorderen Brettern eingesetzt zu werden. Unterstützt wurde dieses Projekt zunächst von der grenke AG und ab 2023 von der POWERJames GmbH. In den folgenden Jahren gelang der sportliche Durchmarsch von der Oberliga, über die 2. Bundesliga bis in die Bundesliga. „Wir haben die mit diesem Projekt verbundenen Ziele allesamt erreicht“, sagt Sven Noppes. Mission erfüllt. Und in der Tat: Zahlreiche deutsche Spitzenspieler prägten das Team über mehrere Jahre, darunter Vincent Keymer, Alexander Donchenko und Dmitrij Kollars. Matthias Blübaum gehörte in allen acht Bundesligaspielzeiten zum Kader der Schachfreunde Deizisau. Er hat dieser Tage noch einmal gegenüber svw.info betont, wie sehr er den Deizisauer Rückzug bedauere. „Ich finde es natürlich schade, da ich jetzt schon echt sehr lange beim Verein dabei war - ich bin ja bereits 2017 zu Deizisau gewechselt.“ Er habe Freunde bei den Schachfreunden gefunden und immer Freude empfunden, auch in diesem Jahr, als es „lange nicht so gut gelaufen“ sei. Platz fünf gelang auch diesmal dank eines starken Schlussspurtes – nie lief Deizsau in all den Jahren schlechter als auf Rang fünf ein. Drei Siege gab es noch bei der Zentralen Endrunde in Berlin. Ein furioser Abschied für ein Team, das sich in der Bundesliga dauerhaft in der Spitzengruppe etabliert hatte. In der Saison 2019/21 wurde Deizisau sogar Vizemeister.
Ein besonderer Höhepunkt für den Verein war zweifellos der Gewinn des European Online Chess Club Cup am 31. März 2021. Der Europacup-Sieg - in rein deutscher Besetzung mit Matthias Blübaum, Alexander Donchenko, Georg Meier, Andreas Heimann, Vincent Keymer und Dmitrij Kollars. „Das war ein herausragender Erfolg“, sagt Noppes. Damit war Deizisau die erste deutsche Vereinsmannschaft seit 1992, die einen Europapokal gewinnen konnte. 2016 und 2020 siegte das Team jeweils noch im Deutschen Mannschaftspokal.
Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Doch die Situation sei heute eine andere, sagt der Deizisauer Vereinschef, in der Schachszene einer der erfolgreichsten Manager, im Gespräch mit Matthias Wolf, freier Mitarbeiter bei svw.info: „Lange waren wir in Deizisau und das grenke Open für einen Spieler wie Matthias Blübaum die nahezu einzigen Möglichkeiten, auf Weltklasseniveau zu spielen. Damit konnten wir ihn und andere Spieler fördern. Heute ist es so, dass Matthias Blübaum keine Förderung mehr benötigt. Er ist so gut geworden, dass man ihn jetzt für seine Qualität bezahlen und nicht fördern muss.“ Als Blübaum beim Kandidatenturnier unlängst von Chessbase India gefragt wurde, wem er die seinen sportlichen Aufstieg in erster Linie verdanke – da fiel übrigens schnell der Name Noppes.
Der 50-Jährige ist der Kopf des Teams hinter dem Team in Deizisau. Noppes und die Sponsoren engagieren sich seit Jahrzehnten in zahlreichen Schachprojekten, insbesondere in der Organisation von Turnieren. So wurde 1997 in Deizisau das Internationale Neckar-Open ins Leben gerufen, das über viele Jahre hinweg das größte offene Schachturnier Deutschlands war. Seit 2016 wird diese Tradition im Rahmen des grenke Chess Festivals in Karlsruhe fortgeführt. Künftig soll der Fokus noch verstärkt auf die Durchführung solcher Turnierformate sowie der Unterstützung einer neuen Schulschach-Initiative gelegt werden, sagt Noppes, der mit einem versöhnlichen Satz geht: „Die Schachfreunde Deizisau danken allen, die den Weg als Bundesligateam begleitet haben – insbesondere den Spielern, den Sponsoren, der Gemeinde Deizisau und den zahlreichen ehrenamtlichen Helfern – und wünschen der Schachbundesliga für die Zukunft alles Gute.“ Man selbst und seine Sponsoren sehen aber die Energie „in einem boomenden Sport“ in anderen Bereichen besser angelegt: „Es gibt immer wieder Chancen, im Schach etwas zu bewegen. Aber wir standen vor der Frage: Ist die Bundesliga für uns der richtige Ort?“
Und damit auf die Ebene Bundesliga: Wer genau hinschaut, erkennt, dass die Liga längst nicht mehr so attraktiv ist wie früher – vor allem finanziell, in Zeiten, da die Topspieler anderswo mehr Geld verdienen können. Ein Beispiel war erneut die Zentrale Endrunde in Berlin, die nahezu zeitgleich zu einem großen Turnier von chess.com stattfand, in dem ein sechsstelliges Preisgeld ausgelobt worden war. Deutlich weniger Top-Großmeister saßen damit an den Bundesliga-Brettern. So entschied sich selbst Deutschlands Nummer eins, Vincent Keymer, erst für die Punktspiele, als er bei dem Onlineturnier die Segel streichen musste. Hier wäre zum Beispiel eine zeitliche Verlegung der Bundesliga eine Chance gewesen: Erst die Stars klassisch am Brett – danach im Onlinebereich. Das hätte womöglich auch den Blick auf die Liga gelenkt, sagen Kritiker. Noppes formuliert es auf Nachfrage sachlich: „Ich denke, und das haben die Verantwortlichen auch erkannt, wenn ich deren Aussagen deute: Die Bundesliga muss sich hier mehr bewegen, um nicht weiter an Bedeutung zu verlieren. International versteht auch kaum jemand den Modus.“
Wie es mit der Frauen-Bundesliga-Mannschaft des Vereins weitergeht, werden die Schachfreunde Deizisau laut Sven Noppes in den nächsten Wochen klären. (mw)

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