Gründergeist aus Württemberg: Sitz in Stuttgart, SVW-Präsident Carsten Karthaus mit im Vorstand. Und Powerfrau Tatjana Gallina findet gleich deutliche Worte zu „Mobbing und Psychospielchen“.
Noch ein Amt. Und natürlich hat Nadja Jussupow sie mal wieder überredet. Der neu gegründete Förderverein für Frauen und Mädchen im Schach hat nicht nur seinen Sitz in Stuttgart – sondern insgesamt eine sehr württembergische Komponente. Und wer da mal wieder überredet wurde, ist Tatjana Gallina. Sie ist die zweite Vorsitzende des Fördervereins. Den Vorsitz hat eine Frau, die international bekannt ist: GM Elisabeth Pähtz. „Elisabeth ist die Prominente, ich bin die Arbeiterin“, sagt Gallina und lacht. Die Kunsthistorikerin in der unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Heilbronn – das ist bekannt im SVW – hat übrigens ein sehr ansteckendes Lachen. Und sehr viel Power. Die Rollen sind also klar verteilt. Ihre, sagt Pähtz im Gespräch mit Matthias Wolf von svw.info, habe „ein bisschen Zugpferd-Charakter“. Für die Alltagsarbeit habe sie wenig Zeit – als frisch gebackene Mutter und Leistungssportlerin, die bei Schacholympiade im September im Samarkand wieder für Deutschland antreten wird. Und auch deshalb gerade mit Privattrainern mitten in der Vorbereitung steckt. Die Hauptarbeit wird also gleich an Tatjana Gallina in ihrem Homeoffice Oedheim hängen bleiben. „Für mich ist das kein Problem“, sagt sie, „ich werde aber Elisabeth so weit wie möglich mit einbeziehen. Ihre Stimme im Vorstand ist uns wichtig.“
Bereits die Gründung des Vereins verlief etwas ungewöhnlich. Die neue erste Vorsitzende wurde per WhatsApp gefragt, ob sie die Wahl annimmt. Sie musste, obwohl sie eigentlich vor Ort war, gerade ihrem Töchterchen Essen geben. Die neue zweite Vorsitzende hatte keinen Urlaub bekommen für die Gründungsveranstaltung in Dresden – auch sie war nicht dabei, und doch mittendrin. Auch sie wurde in Abwesenheit einstimmig gewählt. Tatjana Gallina, im Schachverband Württemberg Beauftragte für Frauenschach, hatte schon vorher ihre Zustimmung signalisiert. Aber was heißt vorher? Zwei Tage vor der Gründung am 21. Juli. Bis dahin waren Carsten Karthaus, SVW-Präsident, noch davon ausgegangen, dass er vermutlich erstmal den Gründungspräsidenten geben muss. Nun ist er Schriftführer im Vorstand. Aber nur so lange, bis eine Frau gefunden wird, sagt er, der mit Nadja Jussupow die Vereinsgründung initiiert hat. Ebenfalls im Vorstand: Linda Pygoch, die Referentin für Frauenschach im Landesschachbund Brandenburg.
Eines ist jetzt schon klar: Die meiste Arbeit wird an Tatjana Gallina hängenbleiben, die ja bekanntlich auch noch als Schiedsrichterin aktiv ist. „Das ist ein wichtiges Thema, die Zeit werde ich mir nehmen“, sagt Tatjana über den neuen Förderverein. Schließlich sei sie ja auch im SVW „eher zufällig“ zum Amt gekommen, „als eher unbeschriebenes Blatt im Schach“. Damals, im Dezember 2024, habe sie für sich entschieden: „Ich bin ja sowieso bei so vielen Schachveranstaltungen – da kann ich mich auch ehrenamtlich engagieren.“ Gesagt, getan.
Außerdem hat Tatjana Gallina auch eine Mission. Erst kürzlich, erzählt sie, habe sie wieder mitbekommen, wie bei einem Jugendturnier ein Junge die Partie gegen ein Mädchen so eröffnete: „Mein Trainer hat gesagt, Du kannst gar nichts.“ Oder sie selbst bekam bei einem Turnier von einem älteren Herrn zu hören, sie solle besser schwarz tragen, das mache schlank. „Sowas muss aufhören. Und wenn wir mehr Frauen sind, dann wird das auch automatisch weniger mit dem Mobbing und den Psycho-Spielchen.“
Dass ausgerechnet Elisabeth Pähtz, die deutsche Nummer eins (die Pole-Position hat sie sich gerade frisch zurückgeholt) und einzige deutsche Spielerin mit GM-Titel, den Vorsitz des Fördervereins übernommen hat, darf man getrost als echten Coup der Vereinsgründer bezeichnen. „Das ist ein Name, der zieht“, sagt Nadja Jussupow. Und Elisabeth Pähtz ergänzt: „Ich denke, mein Name steht schon irgendwo fürs Frauenschach in Deutschland. Deshalb gebe ich gerne meinen Namen.“ Junge Mädchen schauen zu ihr auf – und sie ist die einzige deutsche Spielerin mit hochkarätigen Sponsoringverträgen. Die Zusage sei eine Herzensangelegenheit gewesen, auch weil sie sich Nadja Jussupow, dieser emsigen Antreiberin im DSB fürs Frauenschach, sehr verbunden fühle. „Was Nadja macht, hat einfach Hand und Fuß. Ich werde helfen wo ich kann.“ Vielleicht könne es sogar gelingen, mit Hilfe des Fördervereins die Lücke zwischen den aktuellen deutschen Topspielerinnen und dem Nachwuchsbereich kleiner zu machen. Derzeit, findet Pähtz, komme noch zu wenig nach.
Nadja Jussupow wird bei diesem Verein mit vielen jungen Frauen im Führungsteam nur im Hintergrund wirken – automatisch aufgrund ihrer Rolle als Frauenschach-Referentin beim DSB als beratendes Mitglied, wie es in der Satzung des Fördervereins heißt. Aber ein Amt? Nein, zu viele ehrenamtliche Tätigkeiten hat die Multi-Funktionärin bereits, „auch mein Tag hat nur 24 Stunden“, sagt sie: „Und die Aufgaben im Förderverein sind von Beginn an nicht wenige.“ Aber sie werde unterstützen, wo sie nur kann.
Gerade wird an einem Logo, einer Webseite und den Auftritten im Internet gebastelt. Auch der Frauenschach-Newsletter im DSB-Bereich soll neu belebt werden. Für Social Media konnte mit Elena Koldunov, Frauenschachreferentin im Landesschachverband Bremen, eine Expertin gewonnen werden. Sie habe seit ihrem Amtsantritt in der Hansestadt vor knapp einem Jahr schon sehr viel Netzwerkarbeit betrieben, schwärmt Jussupow: „Wir haben einen super Vorstand.“
Netzwerken - das sei fürs Erste nun auch die Hauptaufgabe des neuen Fördervereins, bevor über Turniere und eigene Veranstaltungen nachgedacht werde (die es aber künftig geben soll), sagt Tatjana Gallina. Die Mutter des zehnjährigen Schachspielers Alessio (Heilbronner SV) spielt selbst für den VfL Eberstadt 04, ist im Verein auch Jugendtrainerin und ebenfalls in der Vereinsarbeit im Social-Media-Bereich tätig. Wenn sie bei sich in den Verein schaue, erlebe sie das Problem aus erster Hand, sagt sie: als einziges weibliches Mitglied. „Wir müssen es schaffen, mehr Frauen und Mädchen den Schachsport nahe zu bringen. Dafür brauchen wir ein stabiles Netzwerk, regelmäßige Treffen.“ Es gäbe so viel Potenzial, sagt sie, allein wenn sie bei Turnieren sehe, wie viele Mütter sich für ihre Kinder und nebenbei auch für die Vereine engagieren. „Diese Frauen brauchen mehr Unterstützung und wir müssen es schaffen, dass sie über die Mutterrolle als Mitglieder in die Vereine kommen.“ Dass Frauen Zugang zum Spiel finden – über die Kids, das ist auch eine Sache, die auch Nadja Jussupow wichtig ist. Stichwort Beginnerinnen-Turniere, die sie ins Leben gerufen hat
Neun Gründungsmitglieder hatte der Förderverein im Juli, darunter auch DSB-Präsident Paul Meyer-Dunker und Gerhard Köhler, zwei bekennende Unterstützer des Frauenschachs. Klaus Deventer half mit seiner juristischen Expertise bei der Erstellung der Satzung. Während gerade der Notartermin gebucht wird und im Hintergrund viele Arbeiten laufen, steigt die Mitgliederzahl quasi täglich - Nadja Jussupow war fleißig, hat schon beim Schachgipfel viel Werbung gemacht für den Verein, der in seiner Satzung folgenden Satz stehen hat: „Frauen und Mädchen müssen Teil der Zukunft sein." Dem ist - fast - nichts hinzuzufügen. (mw):