Der Heilbronner Simon Degenhard gewinnt die A-Gruppe bei der DSSAM – und ahnt lange nicht, was das bedeutet: Jetzt ist er auch auf der großen nationalen Bühne dabei.
Da wird ein Schachturnier zum Überraschungsei. „Das ist jetzt natürlich der Hauptpreis“, sagt Simon Degenhard. Ein Hauptpreis, von dem er bis zur Siegerehrung nichts geahnt hat. Weshalb folgender Anreiz für den 25-Jährigen vom Heilbronner SV auch nicht zur zusätzlichen Motivation taugte: Der Sieger der A-Gruppe der Deutschen Schnellschach-Amateurmeisterschaft (DSSAM) erhält zusätzlich zum Pokal und 200 Euro Preisgeld einen Startplatz für die Deutsche Schnellschachmeisterschaft 2027. Simon Degenhard gewann in der stärksten Gruppe ohne Niederlage – und das nach verhaltenem Start in der Kürnachtalhalle in Würzburg-Lengfeld. Zuerst sammelte der FIDE-Meister drei Remis, bevor ihn eine tagesübergreifende Serie von vier Siegen zu insgesamt 6,5 Punkten führte. „Klar habe ich auch von Fehlern der Gegner profitiert“, sagt er, „aber ich habe mir auch sehr viele Chancen herausgearbeitet. Und dass in Runde neun dann großer Druck aufkommt, dem ich standhalten konnte – das ist aus psychologischer Sicht ja auch gut.“ Am Ende hielt er ein Remis gegen IM Uwe Kersten, der wiederum bei Sieg Erster geworden wäre.
Nun könnte die Qualifikation für die nationalen Titelkämpfe für ihn zum Heimspiel werden – finden sie doch womöglich, wie so viele andere nationale Titelkämpfe auch, im Rahmen den Schachgipfels 2027 in Stuttgart statt. Darüber muss noch entschieden werden, aber eines ist klar: „Dass ich in so einem elitären Turnier mit den stärksten deutschen Schnellschachspielern mitmachen kann, ist natürlich ein Highlight“, sagt Simon Degenhard.
In diesen Tagen jagt bei Simon Degenhard ohnehin ein Höhepunkt den nächsten. Er beginnt im Oktober als Ingenieur in Hessen. Am 10. Oktober startet er mit seinem Verein Heilbronner SV in die Zweite Bundesliga Süd. Erster Gegner: Die zweite Mannschaft der OSG Baden-Baden. Degenhard ist mit 2264 Elo-Punkten an Position neun der Heilbronner Meldeliste gesetzt. Er gehört zu jenen, die in diesen Tagen zurecht vor Stolz fast platzen, dass es dem Heilbronner SV gelungen ist, sowohl mit der ersten als auch mit der zweiten Mannschaft (in die Oberliga Baden-Württemberg) aufzusteigen. „Wir wissen doch alle, dass in der ersten und zweiten Bundesliga fast nichts mehr ohne Geld geht“, sagt er, „umso schöner ist es doch, dass wir als Verein ohne diese großen finanziellen Mittel solche Erfolge schaffen. Mit so vielen eigenen, selbst ausgebildeten Spielern in den Kadern.“
Der Heilbronner SV sei schlichtweg „sowohl im Leistungs- als auch Breitenschach in Württemberg aktuell aufstrebend“. 200 Mitglieder, deutlich mehr als die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. „Das ist einfach schön, was sich bei uns entwickelt hat“, sagt Simon Degenhard im Gespräch mit Matthias Wolf von svw.info. Mit ein bisschen Spielglück sei es vielleicht sogar möglich, sich trotz begrenzter Mittel auch längerfristig in der zweiten Liga zu halten: „Ich denke, das wäre ein Leuchtturmprojekt für das Schachland Württemberg.“
Zurück zur DSSAM, die der TSV Lengfeld im Rahmen seines 150-jährigen Vereinsbestehens mit sehr viel Herzblut ausgerichtet hat. Das Ambiente sei wunderbar gewesen, sagt Simon Degenhard. Passend zu seiner Performance von 2299 Elo. „Es war wirklich ein Top-Turnier mit sehr angenehmer Atmosphäre, keinen Verzögerungen – die Tabellen immer rasch da. Man konnte sich wohlfühlen. Das hat richtig Spaß gemacht.“ Dabei wolle er noch nicht einmal sagen, dass Schnellschach seine Paradedisziplin sei. „Ich denke, ich bin eigentlich im allen drei Bereichen auf einem Niveau. Es gibt sogar viele, die sagen, ich sei im Langschach am stärksten.“ Fürs erste aber hat er bei der schnellen Variante einen großen Erfolg landen können – und wird sie mit Blick auf 2027 garantiert nicht vernachlässigen. Titelverteidiger in „seinem“ Turnier wird dann Nationalspieler Alexander Donchenko sein, der gerade mit Olympiade-Bronze aus Samarkand zurückkehrt. (mw)