Meisterklasse knapp verpasst: Hat ein Fehler in der Ausschreibung für das Kandidatenturnier bei der Deutschen Einzelmeisterschaft den großen Wurf verhindert?

Die Frage aller Reporter-Fragen, nach Platz drei in Dresden: Wie fühlen Sie sich nun, Enis Zuferi? Nur aufgrund der Feinwertung hat der 31-Jährige vom Heilbronner SV beim Kandidatenturnier der 79. Deutschen Einzelmeisterschaft Rang zwei verpasst – der wiederum hätte die direkte Qualifikation zur Meisterklasse im kommenden Jahr bedeutet. Und da die Meisterklasse auch noch beim Schachgipfel in Stuttgart stattgefunden hätte, wäre es für Enis Zuferi sogar ein echtes Heimspiel gewesen. Nun, also nochmal knallhart nachgefragt von svw.info-Mitarbeiter Matthias Wolf: Welches Gefühl kommt auf? Enttäuschung oder Stolz? „Definitiv Stolz“, sagt Enis Zuferi ohne Zögern, „nach meinem schlechten Ergebnis im vergangenen Jahr in München musste ich mir selbst beweisen, dass sich die Arbeit, der Aufwand, den ich für Schach betreibe, auch noch auszahlt.“ In München holte er 2025 nur vier Punkte und landete auf Rang 20.

mit Ex-Bahnchef Lutz, ©Enis Zuferi

Der Schachgipfel in Dresden, der am Sonntag zu Ende ging, sei ein schönes Erlebnis gewesen. „Eine super Location“, schwärmt Enis Zuferi, „so viele tolle Events auf einem Haufen sind schon ein Erlebnis.“ Aber schon am heutigen Montag saß er pflichtbewusst wieder an seinem Arbeitsplatz. Zuferi ist an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt GFT.MINT – irgendwie passend für einen Schachspieler. Er beschäftige sich damit, typische mathematische und informatische Berufe Schülerinnen und Schülern spielerisch näherzubringen. Der Mann hatte also gar keine Zeit, sich lange zu grämen – und das, obwohl dieser tolle dritte Platz schon auch eine kuriose und ärgerliche Komponente hatte.

Denn bis zur Siegerehrung war Enis Zuferi davon ausgegangen, dass nur der Sieger des Kandidatenturniers sich für die Meistersklasse 2027 qualifizieren würde. Denn so stand es fälschlicherweise in der DSB-Ausschreibung, wie DSB-Bundesturnier-Direktor Michael Rütten entschuldigend einräumte. Und da Platz eins (John Heinrich von der SG GW Dresden) unerreichbar war, spielte Zuferi gar nicht mehr voll auf Sieg, begnügte sich mit einem lauen Remis gegen Philipp-Leon Klaska, der ihm als direkter Verfolger mit einem halben Zähler weniger im Nacken saß. Ganz klar, Enis Zuferi wollte auch sein ordentliches Preisgeld von 1250 Euro nicht gefährden.

Enis und Scheck, ©Enis Zuferi

Sei`s drum. Enis Zuferi sieht das Glas längst halb voll. Der punktgleiche Hussain Besou, der ihm die einzige Niederlage zugefügt hatte, sei zurecht Zweiter geworden. Besou, übrigens eines von vielen Top-Talenten im Teilnehmerfeld. Im direkten Duell war die Stellung lange ausgeglichen, bis Enis Zuferi eine Attacke am Damenflügel startete. „Ich hatte zwei Angriffsmöglichkeiten – und habe mich für die schlechtere Variante entschieden“, so Zuferi: „Aber Hussain hat sich den Sieg und Platz zwei auch vollauf verdient.“ Da neben dem hoffnungsvollen DSB-Talent auch weitere viele gute junge Spieler dabei waren, sei er erst recht „sehr zufrieden mit meinem Abschneiden“, sagt Enis Zuferi. Netter Nebeneffekt: Aufgrund seines dritten Platzes ist er bereits fürs Kandidatenturnier im kommenden Jahr vorqualifiziert, müsste nun also bei den Württembergischen Meisterschaften im August in Ruit nicht einmal Meister werden.
Aber natürlich will er in Ostfildern trotzdem performen, denn aktuell hat er einen Lauf. Aus Dresden nimmt er zusätzliche 15 Elo-Punkte mit, verbesserte sich damit wieder auf 2371. „Das tut gut, nachdem ich bis 2025 in einem Jahr rund hundert Punkte verloren habe“, sagt er. Nun also hat er, der auch Spieler beim Heilbronner SV ist, wieder die 2400-Elo-Grenze im Visier. Übrigens auch dank einer starken Oberliga-Saison, in der er 7,5 Punkte aus zehn Partien holte. Und das, obwohl auch „viel Zeit und Energie“ für sein Vereinsamt draufgeht. Enis Zuferi ist Spielleiter in Heilbronn, mit 200 Mitgliedern ein Großverein. Seit 2014 hat er das Amt inne: „Man könnte sagen, ich bin mit dem Verein gewachsen.“ Das Wachstum führte Heilbronn jetzt in die Zweite Bundesliga. Auch ohne Meisterklasse gibt es also genug Herausforderungen für Enis Zuferi. (mw)