Tobias Kölle vertritt die deutschen Farben bei der Studenten-WM, der World University Championship Mind Sports. Zu diesem Abenteuer konnte und wollte er nicht nein sagen – auch wenn das duale Studium ihn sehr fordert.

In den Tagen vor der Abreise hat sich Tobias Kölle noch mit Steuerrecht und dem bürgerlichen Recht an der Uni in Stuttgart beschäftigt – vor dem Telefonat mit Matthias Wolf von svw.info kam er gerade aus acht Stunden Vorlesungen. Nun wird er in ungewöhnlichen Breitengraden den Hörsaal mit dem Spielsaal tauschen: Mit drei deutschen Frauen und zwei weiteren Männern bildet IM Tobias Kölle das Aufgebot für die Studierenden-WM - offiziell die FISU World University Championship Mind Sports. Dieses Turnier findet in China statt, in Liaocheng – mit dem Hochgeschwindigkeitszug rund zweieinhalb Stunden von Peking entfernt. Der 22-Jährige aus Remseck studiert an der Dualen Hochschule Baden Württemberg (DHBW Stuttgart) Logistik und BWL - und bildet mit WGM Jana Schneider (Universität Würzburg), FM Lara Schulze (SRH Mobile University), WFM Sonja Butenandt (TU München), GM Luis Engel (Bucerius Law School), und IM Nikolas Wachinger (PH Berlin) das deutsche Aufgebot. „Das ist unheimlich reizvoll, ich war noch nie in China“, sagt Tobias Kölle. Er vergleiche das mit der Teilnahme an der U20-Junioren-WM 2024 in Indien, als er Platz fünf erreichte. „Wenn Du die Chance hast, solche Länder dank Schach zu sehen, dann zögerst Du nicht. Da wollte ich sofort dabei sein – das wird bestimmt richtig spannend.“

Das traditionsreiche Turnier wird seit 1990 im zweijährigen Turnus ausgetragen und bringt die besten studentischen Schachspielerinnen und -spieler aus aller Welt an die Bretter. Der Titel „Studierenden-Weltmeister“ und „Studierenden-Weltmeister“ lockt - für das deutsche Ensemble, das unter der Flagge des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes adh starten wird. Gewertet werden die Spieler einzeln im klassischen Schach, in einem Blitzturnier gibt es aber auch eine Teamwertung. Kölle ist amtierender deutscher Hochschulmeister im Blitzschach, im Rapid wurde er bei der Hochschul-Meisterschaft im November 2025 in Berlin Dritter.

Start des Turniers ist am 11. Oktober, neun Runden - auf die Spielerinnen und Spieler kommen bis zum 16. Oktober also einige Doppelrunden zu. Das Team logiert in einem Vier-Sterne-Hotel in Liaocheng, die Stadt hat im innerstädtischen Zirkel rund 600.000 Einwohner, mit den umliegenden Bezirken sind es schon sechs Millionen. Gefördert wird die bisher in diesem Umfang noch nie dagewesene Uni-Mission im deutschen Schach vom Bundeskanzleramt, das die Kosten für Flüge und Unterkunft übernimmt.

Für Kölle ist es die Chance, sich in einem Turnier mal wieder auszupowern. Zuletzt habe er wenig Zeit für sein Hobby gehabt, sagt er. „Deshalb gehe ich das sehr ehrgeizig an, will unbedingt eine Medaille.“ Sein Studium ist dual. Wenn er nicht an der Uni im Hörsaal sitzt, arbeitet er bei einem Logistik-Dienstleister in Marbach – 38 Stunden die Woche. Die Zeit ist folglich für Schach mittlerweile „sehr knapp, so dass ich zuletzt nur wenige Turniere gespielt habe, vor allem die großen Turniere schaffe ich halt kaum noch“. Immerhin gewann er im Januar 2026 noch das A-Turnier beim Böblinger Open. Und gerade erst das Remstal Open des Schachclubs Grunbach – quasi das Trainingslager für China.

alle Fotos vom Remstal Open am 03.10.26 - © Patrizia Catalayud, SC Grunbach - v.l.n.r.: Martin Hartmann (Zweiter, 22 Punkte, Drei-Punkte-Regel), Esat Turker (Sechster, 18 Punkte), Maximilian Naß (Vierter, 20 P) FM Veaceslav Cofman (Dritter, 20 P), IM Tobias Kölle (Sieger, 23 P), Soroush Wadiei (Fünfter, 19 P), Dirk König, 1. Vorsitzender SC Grunbach

Wie ist überhaupt noch die schachliche Bindung in die Heimat? Er sei nicht mehr beim Spielabend des TSV Schönaich, für den er sieben Jahre gespielt hat - auch dafür fehle die Zeit, wenngleich die Freundschaften zu einigen Vereinsmitgliedern natürlich bestehen blieben. Er trainiere zumeist alleine Zuhause, die Mannschaftskämpfe bestreitet er ohnehin mittlerweile für den Münchner SC in der Zweiten Bundesliga, wohin ihm nun auch sein ehemaliger Schüler Neil Albrecht gefolgt ist – aber ohne sein Zutun, wie Tobias Kölle betont. „Aber ich freue mich, dass er jetzt mit mir in einer Mannschaft spielt.“ Allerdings nicht beim Saisonstart am kommenden Wochenende – wie gesagt: China ruft.  

Dass er mit Schach Geld verdienen kann – von diesem Traum hat sich Tobias Kölle nach zwei Schach-Jahren im Anschluss an das Abitur verabschiedet. Das sei eben nur wenigen vergönnt, was nicht weiter schlimm sei: „Schach macht mir sehr viel Spaß und bleibt meine Leidenschaft. Aber der Beruf wird es eher nicht. Das ist auch psychologisch für Profis nicht leicht, immer den Druck zu haben, viele Turniere erfolgreich zu spielen, um Geld zu verdienen.“ Und doch habe er noch große Ziele: Eine GM-Norm ist geschafft, zwei weitere sollen noch folgen – bis zum Titel. In Sachen Elo ist er mit 2504 Punkten schon sehr flott auf Großmeister-Kurs. In diesem Jahr plant er, die Rapid- und Blitz-WM am Jahresende noch zu spielen – dann ist die Firma zu, und die Uni auch…

Doch erstmal China. Das wird auch eine Art Abenteuer in anderer Hinsicht: Wie gut funktionieren zum Beispiel die Sozialen Medien, Messenger-Dienste? Man werde es über VPN versuchen, sagt Kölle. Doch schon die Zugbuchung von Peking nach Liaocheng sei eine echte Herausforderung gewesen, erzählt Delegationsleiter Christoph Barth, der auch DSB-Beauftragter für Hochschulschach ist: „Das war richtig kompliziert. Ich weiß nicht, wie oft ich irgendwo Reisepässe und andere Dokumente hochladen musste.“

Es werden nun in China auch sehr viele unbekannte Gegner auf Tobias Kölle warten, über deren wahre Spielstärke er vermutlich erst beim Turnier mehr erfahren wird. Aus der Teilnehmerliste machten die chinesischen Veranstalter lange ein Geheimnis, betont Christoph Barth. Zwar sind mittlerweile einige Namen (s.u.) bekannt, doch wirklich Genaues gibt es wohl erst beim Technical Meeting für ihn und die anderen Delegationsleiter - am Tag vor dem Turnierstart. Dann würden die Teilnehmerlisten ganz offiziell eingereicht und unterschrieben.

Ein Gegner gratuliert Tobias zum Sieg

Sportlich ist das Ziel klar. Medaillen bei Männern und Frauen erhofft sich Barth – auch dank prominenter Trainer-Unterstützung: Nationalspieler Dmitrij Kollars ist dabei, finanziert vom DSB. Gerade erst trug er als Sekundant viel dazu bei, dass die Nationalmannschaft Bronze bei der Olympiade in Samarkand holte. So eine Trainer-Expertise sei natürlich klasse, betont auch Tobias Kölle. Er selbst wolle unter die Top drei, „eine Medaille mitbringen“. Und danach hat er sich noch zwei Tage Zeit genommen – zur Erholung, aber vor allem zum Sightseeing in Peking. Die Chinesische Mauer will er sehen, auch die Verbotene Stadt. Wenn er schon mal dort ist… (mw)

Gespielt wird vom 11. - 16. Oktober - im "Langschach" mit einer Bedenkzeit von 60 min zuzüglich 30 sek ab Zug eins. Nähere Infos gibt es auf der Turnierseite bzw. auf der Teilnehmerliste laut Chess-Results. Hier die - vermutlich noch unvollständige - Liste der Frauen und Männer mit Stand vom 07. Oktober.