Das ist einerseits einfach und andererseits schwierig: Klaus Darga wird bei der FIDE als inaktiv geführt – seine letzte gewertete Partie liegt 25 Jahre zurück. Unter rein schachlichen Gesichtspunkten könnte man die Laudatio zu seinem 80. Geburtstag 1:1 nachdrucken.
Wie kann eine Annäherung funktionieren, wenn man den zu Ehrenden nicht persönlich kennt? Eine Möglichkeit ist, was es sonst noch in der Presse gibt. Dr. Pfleger, der im letzten Jahr seinen 80. Geburtstag feierte, ehrte am 24. Januar in seiner Schachspalte im Zeit Magazin Hans-Joachim Hecht anlässlich seines 85 Geburtstags, der am 29. Januar statt fand und kündigte Klaus Dargas 90. auf den 24. Februar an. Bei Chessbase gibt es dazu einen ausführlicheren Bericht von André Schulz mit Bildern.
Des Weiteren kann man Datenbanken und Ergebnisdienste durchforsten und so heraus finden, dass er - bei insgesamt drei Teilnahmen - zweimaliger Deutscher Meister war: Darga gewann 1955 in Franfurt Höchst und 1961 in Bad Pyrmont.
Eines meiner ersten Schachbücher waren die Entscheidungspartien von Ludek Pachman. Inhaltlich erstreckte es sich vom Turnier in Baden-Baden 1870 bis zum Kandidatenturnier 1971. Im Kapitel über das 2. Capablanca Memorial von 1963 spielten neben den drei sowjetischen Großmeistern Tal, Kortschnoi und Geller – das Wort Super-GM war noch nicht erfunden – noch weitere acht Großmeister mit. Damals gab es so um die 60 Großmeister, die sich fast alle noch persönlich kannten. Ihre Anzahl der stieg weltweit von 23 im Jahr 1950 auf 88 im Jahr 1972.
Es gab noch keine ELO-Zahlen, die FIDE hatte aber Regelungen, die Qualifikationskriterien für Titel vorgaben. Grob umrissen musste man in einem Turnier mit einem entsprechend starken GM-Feld eine bestimmte Leistung erbringen und diese Norm dann in einem weiteren Turnier bestätigen. In diesem Fall sah dass so aus, dass Klaus Darga in der letzten Runde in Havanna unbedingt gewinnen musste, um sich endgültig Großmeister nennen zu dürfen. Es ging gegen den Kolumbianer Boris de Greiff, zwar einen nominell schwächeren Gegner, aber dafür mit Schwarz. Die Kommentare zu Klaus Dargas "Entscheidungspartie" orientieren sich an Pachmans Einschätzungen.
[pgn initialHalfmove=1 autoplayMode=none] [Event "Capablanca Memorial 2nd"] [Site "Havana CUB"] [Date "1963.09.25"] [Round "21"] [White "Boris De Greiff"] [Black "Klaus Viktor Darga"] [Result "0-1"] [BlackElo "?"] [ECO "E95"] [Opening "Klassisches System (Königsindische Verteidigung)"] [Variation "7.O-O Nbd7 8.Re1 c6 9.Rb1"] [WhiteElo "?"] [TimeControl "6000+780"] [Termination "normal"] [PlyCount "79"] [WhiteType "human"] [BlackType "human"] [EventDate "?"] 1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nc3 Bg7 4. e4 d6 5. Be2 O-O 6. Nf3 e5 7. O-O Nbd7 {um den Damentausch zu vermeiden} 8. Re1 c6 9. Rb1 exd4 10. Nxd4 Re8 (10. .. d5 11. exd5 cxd5 12. cxd5 (12. Ndb5 dxc4 13. Bxc4 Nb6 {nebst Lf5 }) 12. .. Nb6 {jeweils mit Ausgleich aber hoher Remistendenz durch Symmetrie und Verflachung}) 11. Bf1 a5 12. f3 Nc5 13. Be3 Nfd7 14. Qd2 Be5 {Weiß hat einen klaren Plan: Druck gegen d6 ausüben, Schwarz muss abwarten und den Gegner mit kleinen taktischen Drohungen - wie hier Dh4 - beschäftigen. Weiß schwächt sich mit g3 ohne dass Schwarz seine Drohung ausführen muss.} 15. g3 Bg7 16. Rbd1 a4 17. Qc2 Qa5 18. Kg2 Ne5 19. f4 Ng4 20. Bg1 Nf6 21. Nf3 a3 ! 22. b3 ! (22. Rxd6 ? Ncxe4 23. Nxe4 Nxe4 24. Rxe4 Rxe4 25. Qxe4 Bf5 {und dann kostet 26. .. axb2 Material}) 22. .. Bg4 ! 23. h3 (23. Rxd6 ? Nfxe4 24. Nxe4 (24. Rxe4 Bxc3) 24. .. Bxf3+ 25. Kxf3 Qxe1) 23. .. Bxf3+ 24. Kxf3 {Schwarz sucht jetzt einen neutralen Zug, um Weiß die Möglichkeit zu dem Fehler Txd6 zu lassen} h5 25. Rxd6 Nfxe4 26. Rxe4 Bxc3 27. Rxe8+ Rxe8 28. Rxg6+ Bg7 {zum Glück geht dieser Zug, denn den Turm zu schlagen verliert:} (28. .. fxg6 29. Qxg6+ Kf8 30. Qf5+ Kg8 31. Bxc5 Bg7 32. Bd3) 29. Rxg7+ (29. Rg5 ? (29. Bd4 Ne6 !) 29. .. Qe1 30. Bxc5 Qxf1+ 31. Qf2 Qd3+ 32. Be3 Qe4+ 33. Ke2 Kf8 34. Kd2 Rd8+ 35. Ke2 Rd3 36. Qf3 Rd2+) 29. .. Kxg7 30. Bd4+ Kg8 31. Qf5 Nxb3 32. Qxa5 Nxa5 33. Bc3 {Trotz Mehrqualität kann Schwarz nicht gewinnen, da der Springer nicht mitspielt und seine Verteidigung mit Ta8 oder b6 nach 35. c5 sofort zum Remis führt. Darga findet noch eine letzte Chance und sie sichert ihm den GM-Titel} Rd8 34. Bxa5 {zu gierig - 34. Le2 verhindert das Eindringen des Turms, so dass er den a2 nicht attackieren kann.} Rd1 35. Be2 Ra1 36. Bc3 Rxa2 37. c5 Rc2 38. Be5 a2 39. Ke3 Rxc5 40. Bd4 {und gleichzeitig aufgegeben, da auf 40. .. h4 sowohl auf 41. g4, als auch 41. gxh4 einfach 41. ..- Tc1 folgt} 0-1 [/pgn]
Damit wurde Klaus Darga in den exklusiven Kreis der Großmeister aufgenommen. Aber das war nur die eine Hälfte der Geschichte: Erst mit dem Jungfernflug einer B 707 am 26.10.1958 waren Interkontinentalreisen in einer Form möglich, wie wir sie heute kennen. Zuvor lag die maximale Entfernung, die ein Flugzeug NonStop zurück legen konnte, bei 4000 km. Das machte die ganz im Westen Irlands liegende und erst nach dem Krieg gegründete Stadt Shannon zu einem der größten Flughäfen in Europa. Nächster Stopp ist Gander in Neufundland. Und bei einer Reise nach Kuba durfte keinesfalls US-Territorium überflogen werden – zur Erinnerung: der Höhepunkt der Kubakrise war im Oktober 1962. Das erklärt zwanglos, warum Reisen damals ein Abenteuer war. Heute ist Fliegen bequem - das Spannungsfeld liegt zwischen Flugscham und Billigflieger.
Auch schachlich lief vieles anders als heute: Partien wurden abgebrochen, der Abgabezug kam in einen versiegelten Umschlag und da sind wir schon beim Interzonenturnier in Amsterdam 1964. Da wurden 6 Plätze fürs Kandidatenturnier ausgelobt. Aber das waren nicht die ersten sechs der Abschlusstabelle. Ein Land durfte maximal drei Kandidaten stellen, aber nur der Däne Bent Larsen konnte sich in die Phalanx der fünf sowjetischen Großmeister schieben, so dass Platz 8 für nichtsowjetische Teilnehmer noch für eine Qualifikation ausreichte. Darga kam gleich in der ersten Runde gegen Spassky und konnte nach zweimaligem Abbruch gewinnen! [Das Diagramm beginnt erst nach Zug 43, aber man kann die Partie auch vollständig nachspielen.]
[pgn initialHalfmove=86 autoplayMode=none] [Event "Amsterdam Interzonal"] [Site "Amsterdam NED"] [Date "1964.05.20"] [EventDate "1964.05.20"] [Round "1"] [Result "1-0"] [White "Klaus Viktor Darga"] [Black "Boris Spassky"] [ECO "E17"] [WhiteElo "?"] [BlackElo "?"] [PlyCount "191"] 1. Nf3 Nf6 2. c4 e6 3. g3 b6 4. Bg2 Bb7 5. O-O Be7 6. Nc3 O-O 7. d4 Bb4 8. Qb3 Bxc3 9. Qxc3 d6 10. b3 Nbd7 11. Bb2 Re8 12. Rad1 Rc8 13. Rfe1 Qe7 14. d5 e5 15. Nh4 Nc5 16. f4 Nfd7 17. e3 a5 18. Qc2 f6 19. a3 Ra8 20. Bc3 Qf7 21. Rf1 exf4 22. exf4 a4 23. b4 Nb3 24. Nf5 Nf8 25. Nd4 Nxd4 26. Bxd4 Qg6 27. Qxg6 hxg6 28. Rfe1 Kf7 29. Kf2 Ba6 30. Bf1 f5 31. Rxe8 Rxe8 32. Re1 Rd8 33. Bd3 Nd7 34. b5 Bb7 35. Bc2 Nc5 36. h4 Nb3 37. Bc3 Bc8 38. Re3 Bd7 39. Re1 Rg8 40. Re3 Nc5 41. Bd4 Ra8 42. Ke1 Ne4 43. Bd1 Re8 44. Bxa4 Nxg3 45. Rxe8 Bxe8 46. Bc2 Nh5 47. Be3 Ke7 48. a4 Kd7 49. a5 bxa5 50. Kd2 Ng3 51. Kc3 g5 52. hxg5 Bh5 53. Kb3 Be2 54. Bd2 a4+ 55. Kb4 a3 56. Bb3 Ne4 57. Be3 g6 58. Kxa3 Nc5 59. Bxc5 dxc5 60. Ka4 Bd3 61. Ka5 Be2 62. b6 cxb6+ 63. Kxb6 Kd6 64. Kb7 Bd3 65. Kc8 Be2 66. Kb7 Bd3 67. Ka6 Bf1 68. Ka5 Bd3 69. Ka4 Bf1 70. Ka3 Be2 71. Kb2 Ke7 72. Kc3 Kd6 73. Bc2 Ke7 74. Bd3 Bd1 75. Kd2 Bb3 76. Be2 Kd6 77. Kc3 Ba4 78. Bd3 Bd1 79. Kd2 Bb3 80. Kc1 Ke7 81. Kb2 Bd1 82. Bc2 Be2 83. Kc3 Kd6 84. Ba4 Ke7 85. Bb5 Kd8 86. d6 Bf3 87. Kb3 Bd1+ 88. Ka3 Bc2 89. Bc6 Bd1 90. Ba4 Be2 91. Bb5 Bd1 92. Bc6 Be2 93. Ka4 Bxc4 94. Ka5 Be2 95. Bb5 c4 96. Ba4 {Die Konzentration auch kurz vor dem Gewinn hoch halten ist wichtig, sofort 96. Kb4 verliert wegen 96. .. c3} 1-0 [/pgn]
Kurz vor dem Ende des Turniers lag Darga immer noch aussichtsreich im Rennen, bis ihn eine Niederlage gegen Levente Lengyel zurückwarf. In der Partie stand er lange unter Druck. Nach dem Abgabezug 40. .. Te6 ist 41. Kf2 - siehe Diagramm - erzwungen. Aber dann opferte Lengyel zu optimistisch mit T6xe2+? eine Qualität – aber Darga "glaubte" ihm und gab auf. Nach 42. Txfe2 Lxh4+ entkommt der weiße König mit 43. Ke3 und dann sagt die Engine +1,5, also ein für einen Gewinn ausreichenden Vorteil unter Großmeistern. Sein Sieg in der Schlussrunde wurde dadurch entwertet, dass auch die direkte Konkurrenz voll punkten konnte. Statt eines Dreikampfs um Platz 8 gab es so lediglich einen Stichkampf um den letzten freien Platz fürs Kandidatenturnier zwischen Reshevsky und Portisch. Dabei setzte sich Lajos Portisch mit zwei Siegen bei einem Remis klar durch.

die Abschlusstabelle des Interzonenturniers Amsterdam 1964, aus Wikipedia
Bei den historischen ELO-Zahlen des Jahres 1964 war Klaus Darga auf Platz 24 gelistet. Im gleichen Jahr kam Klaus Darga beruflich nach Stuttgart/Sindelfingen und nahm eine Stelle bei IBM Deutschland an, die er bis zu seiner Pensionierung inne hatte. Trotzdem wurde er 1970 im ersten Wettkampf UdSSR gegen den Rest der Welt in die Weltauswahl berufen. Wikipedia schreibt ganz knapp, dass er nicht zum Einsatz kam. Die ausführliche Version lautet so: nach zwei Niederlagen bei einem Remis von Wolfgang Uhlmann gegen Mark Taimonow hätte Darga in Runde vier statt Uhlmann spielen sollen. Uhlmann bat Darga, ob er es nochmals versuchen dürfe, spielte und gewann die vierte Partie. Obwohl Larsen und Fischer an Brett 1 und 2 gegen Spassky (Runde 4 Stein) und Petrosian gewannen, siegte die Sowjetunion knapp mit 20,5:19,5. Übrigens: für seine Zeit als Schachbundestrainer 1989 bis 1997 Uhr wurde Darga von der IBM beides: bezahlt und freigestellt.
Georg Eppinger, sein ehemaliger Mannschaftskollege aus der gemeinsamen Bundesligazeit mit dem VfL Sindelfingen hält immer noch Kontakt und so gibt es doch noch ein paar Neuigkeiten: dass Klaus Darga noch drei Duzfreunde aus seiner Schachzeit hat: je einen im Alter von 85, 80 und 75 Jahren. Hier ein Foto vom 12. Februar dieses Jahres, als ihn mit Georg Eppinger der jüngste Duzfreund sowie der ehemalige SVW-Präsident Dr. Hans Ellinger in seinem Haus in der Nähe von Stuttgart besuchen konnten.

v.l.n.r.: Dr. Hans Ellinger, Klaus Darga, Georg Eppinger, Foto mit freundlicher Genehmigung von Georg Eppinger
Lieber Herr Darga,
auch vom Schachverband Württemberg die besten Wünsche! Bleiben Sie noch lange gesund und fit!
Alles Gute zu Ihrem 90. Geburtstag!